Der Super Santos

Die Legende ist rund

Er ist rund wie die Welt, orange wie der Sonnenuntergang und wunderbar wie ein Sommerurlaub am Meer. In Italien ist er so volkstümlich und allgegenwärtig wie die Pizza – und so hibbelig wie eine Horde ragazzi am Strand: der Super Santos.

Pata­tapat: So klingt er, wenn ihn ein ein­zel­nes Kind gegen die Haus­wand kickt. Doch wer einen Super San­tos hat, der ist nie lange allein: Sobald der rhyth­mi­sche Lock­ruf erklingt, ren­nen von über­all raga­zzi her­bei und schnell ist eine Mann­schaft bei­sam­men. Dann wir­beln plötz­lich sechs, acht oder zehn Kna­ben in Shorts durch die Gas­sen, über ein Stück räu­di­ges Grün oder durch den Sand, beglei­tet von den sat­ten Plopps des Super San­tos. Lan­det er im dich­ten Stra­ßen­ver­kehr oder auf Dächern ist keine Mühe zu groß, ihn wie­der­zu­ge­win­nen, den bil­ligs­ten und bes­ten unter den Stra­ßen­fuß­bäl­len. Den Super­hei­li­gen. Den pal­lone del popolo.

Der Super San­tos ist der Beglei­ter eines Som­mers am Strand. Und der Beglei­ter einer Kind­heit in Ita­lien. In Net­zen bau­meln die Bälle vor den Läden an den Pro­me­na­den, rund um Nea­pel kos­tet der pal­lone 2,90 Euro, im Nor­den ist er etwas teu­rer. Doch in ganz Ita­lien sieht er gleich aus: orange mit schwar­zen Strei­fen, im Design alt­mo­di­scher Leder­fuß­bälle, bedruckt mit dem Super-San­tos-Schrift­zug, die Ober­flä­che leicht genoppt, erstaun­lich robust. Kein Ver­gleich zu den glat­ten, bun­ten Dis­ney-Bäl­len, die im Netz dane­ben hän­gen.

Ein Ball – ein Traum

Inzwi­schen selbst eine Legende, trägt der Ball den Namen einer ande­ren Legende: „Super San­tos“ – das war seit Ende der fünf­zi­ger Jahre der Ehren­ti­tel der bra­si­lia­ni­schen Erfolgs­mann­schaft FC San­tos, des Ver­eins von Pelé. Des groß­ar­ti­gen Pelé, der aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen zum „Welt­fuß­bal­ler des 20. Jahr­hun­derts“ auf­stieg. Angeb­lich wurde der Ball 1962, nach dem WM-Sieg der Bra­si­lia­ner, von Ste­fano Seno, einem Mit­ar­bei­ter der Firma Mondo erfun­den. Seit­her hat ihn die Firma mil­lio­nen­fach ver­kauft, der Ball wurde in Pop­songs besun­gen und hat eine eigene Face­book-Seite mit über 50.000 Likes – die Zahl der Fans auf der Straße beträgt frei­lich ein Viel­fa­ches. Auf You­Tube gibt es eine Repa­ra­tur­anlei­tung für den Super San­tos, und Roberto Saviano hat ihm ein Buch gewid­met, das natür­lich „Super San­tos“ heißt und als eBook nicht teu­rer ist als der oran­ge­far­bene Ball.

Der Super San­tos ist der Ball der Jun­gen zwi­schen acht und acht­zehn, die ihn mit ihren mage­ren, braun­ge­brann­ten Bei­nen vor sich her trei­ben und von einer Kar­riere in der Lega Cal­cio A träu­men. Pata­tapat und Plopp – das ist der Klang des Som­mers in Ita­lien, gemischt mit dem Knat­tern der Ves­pas, dem Gekläff win­zi­ger Hunde und dem Gedu­del der Tele­foni­nos.

Wenn bei Capri die Sonne im Meer ver­sinkt, dann kommt an den Strän­den Ita­li­ens auch der Super San­tos all­mäh­lich zur Ruhe. Die raga­zzi, die den Ball stun­den­lang bar­fuß durch den erst hei­ßen, dann all­mäh­lich küh­ler wer­den­den Sand gejagt haben, schau­feln sich eine Rie­sen­por­tion Pasta in den Bauch und sin­ken dann zwi­schen die Laken. Bis am Mor­gen das Pata­tapat des neuen Tages beginnt.

Heiß gelieb­ter Super San­tos, nach einem Urlaub am Strand.

Fuß­ball­star Pelé 1960 mit dem leder­nen Vor­bild des Super San­tos-Balls. Quelle: AFP/SCANPIX (Natio­na­len­cy­klo­pe­din) [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons