Das Kitty-Blog

 

Bloggen in der Grundschule?

Ein Bericht aus der Praxis.

Ein eigenes Smartphone zum Spielen, Chatten, Filme gucken, Fotografieren und Musik hören – das ist heute der heiße Wunsch vieler Kinder. Kein Wunder: Im Alltag erleben sie, wie intensiv Ältere (und Eltern) die Mini-Computer nutzen und was sie alles können. Schon im Vorschulalter hantieren Kinder mit iPads, Grundschüler nutzen Spiele-Apps mit Chat-Funktion, und die Mehrheit whatsappt schon in der 5. Klasse im Klassenchat. In den Elternhäusern sorgt eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Laissez-faire dafür, dass sich schon Kinder unter 12 Jahren selbstständig und ungeschützt in Netz bewegen. Die meisten Schulen ignorieren die neue Herausforderung oder stoßen auf zu viele Hindernisse. Hier setzte das Kitty-Blog an. Die Idee: Medienerziehung mit Spaß und nach Maß für die Familien einer Münchner Grundschulklasse.

Im geschütz­ten Raum des geschlos­se­nen Blogs konn­ten die Fami­lien von Januar bis August 2014 erste Schritte auf der inter­ak­ti­ven Online-Platt­form wagen. Das Blog, das von Kin­dern nur gemein­sam mit den Eltern und der Klas­sen­leh­re­rin genutzt wurde, sen­si­bi­li­sierte beide Sei­ten für die Chan­cen und Risi­ken des Inter­nets, baute Wis­sen auf und sorgte dafür, dass Groß und Klein bei Com­pu­ter-The­men mit­ein­an­der im Gespräch blie­ben.

Vom Offline-Tagebuch zum Blog

Die Idee zum Blog ent­wi­ckelte sich aus dem Kitty-Tage­buch der Klasse. Die Leh­re­rin hatte das Buch in der zwei­ten Klasse ein­ge­führt, um das freie Schrei­ben zu för­dern. Jeden Tag durfte ein ande­res Kind den klei­nen Plüsch­ti­ger Kitty aus Sin­ga­pur mit nach Hause neh­men und die gemein­sa­men Erleb­nisse in Wort und Bild auf­zeich­nen. Die Kin­der taten das mit Begeis­te­rung, aller­dings war das Tage­buch nach eini­gen Mona­ten völ­lig zer­fled­dert, weil die Kin­der in dem Buch auch gerne schmö­ker­ten. Um das Jour­nal zu bewah­ren und es allen Kin­dern frei zugäng­lich zu machen, stellte ich auf ein pri­va­tes, pass­wort­ge­schütz­tes Blog Scans der Tage­buch­ein­träge ein – natür­lich erst, nach­dem recht­li­che Hin­der­nisse aus dem Weg geräumt und Beden­ken dis­ku­tiert wor­den waren.

Ein Tiger moderiert

Schon beim Kon­zi­pie­ren des Blogs wurde mir klar: Die Platt­form bot jede Menge Mög­lich­kei­ten für wei­tere sinn­volle Akti­vi­tä­ten. So bekam der kleine Tiger Kitty eine Stimme und begann, das Blog zu mode­rie­ren. Auf dem Blog erzählte Kitty (ich) den Kin­dern unter­halt­same Geschich­ten über das Schul­le­ben aus der Per­spek­tive des klei­nen Fin­del­ti­gers aus Asien, griff spie­le­risch Unter­richts­the­men auf und ver­linkte wert­volle Inter­net-Ange­bote für Kin­der. Alle Ange­bote knüpf­ten an All­tags­er­fah­run­gen und aktu­elle Erleb­nisse der Kin­der an und ver­lei­te­ten – anders als einige über­frach­tete Kin­der­por­tale – nicht zum ziel­lo­sen Her­um­sur­fen. Dar­über hin­aus doku­men­tierte das Blog ein Film­pro­jekt der Klasse. Die Kin­der ver­öf­fent­lich­ten Berichte über Schul­aus­flüge, gaben Lese­tipps wei­ter und konn­ten Qui­z­auf­ga­ben lösen (zum Teil in eigens von mir pro­gram­mier­ten Mini-Apps). Ein Lexi­kon der Früh­lings­blu­men, das die Kin­der mit Foto­ap­pa­rat und Zei­chen­stift selbst gestal­te­ten, wurde auf dem  Blog geteilt und konn­ten nicht nur gele­sen, son­dern auch kom­men­tiert wer­den.

In regel­mä­ßi­gen News­let­tern infor­mierte ich die Eltern außer­dem über medi­en­päd­ago­gi­sche The­men wie Daten­spar­sam­keit, den Umgang mit Fotos und Urhe­ber­rech­ten sowie den Ein­satz von Such­ma­schi­nen. Im Vor­der­grund stand der krea­tive und kom­pe­tente Umgang mit Neuen Medien, nicht der erho­bene Zei­ge­fin­ger. Als Mit­glied des Eltern­bei­rats holte ich außer­dem kos­ten­lose Vor­träge an die Schule, die auf gro­ßes Inter­esse stie­ßen.

Die anfäng­li­che Befürch­tung eini­ger Eltern, ihre Kin­der könn­ten durch das Blog zu früh fürs Inter­net begeis­tert, ja süch­tig wer­den, hat sich übri­gens nicht bestä­tigt. Die Kin­der moch­ten Kitty und das Blog zwar sehr gern. Weil der Umgang damit aber nicht nur „Plug & Play“, son­dern auch Arbeit war (schon das Tip­pen fällt Kin­dern schwer), wurde das Inter­net eher ent­zau­bert. Sei­nen unwi­der­steh­li­chen Reiz erhält es für Grund­schul­kin­der ja dadurch, dass die Kin­der ihre Eltern stän­dig mit Smart­pho­nes han­tie­ren sehen und selbst dazu­ge­hö­ren wol­len.


Das Ende einer guten Idee

Obwohl das Kitty-Blog eigent­lich für die gesamte Grund­schul­zeit der Kin­der kon­zi­piert war, schlief es nach den Som­mer­fe­rien 2014 ein. Die wich­tigs­ten Gründe waren:

  • Der Com­pu­ter­raum der Schule wurde aus Platz­man­gel in ein Klas­sen­zim­mer umge­wan­delt. Dadurch stan­den die ohne­hin alten und lang­sa­men Geräte nicht mehr zur Ver­fü­gung.
  • Das Enga­ge­ment der Eltern war sehr unter­schied­lich. Viele scheu­ten nach dem Abflauen der ers­ten Begeis­te­rung den Zeit­auf­wand, sich gemein­sam mit den Kin­dern zu Hause an den Com­pu­ter zu set­zen. Com­pu­ter sind, ebenso wie der Fern­se­her, für viele Eltern ein Mit­tel Kin­der zu beschäf­ti­gen, um selbst den Rücken frei zu haben – gemein­same Zei­ten am Bild­schirm sind sel­ten und bei Eltern unbe­liebt. Da das Blog pri­vat war, konnte die Mit­ar­beit nicht ein­ge­for­dert wer­den.
  • Die neue Klas­sen­leh­re­rin war zwar ange­tan von dem Pro­jekt, arbei­tete sich aber wegen ande­rer Prio­ri­tä­ten nicht ein, so dass keine neuen Pro­jekte zustande kamen.
  • Unter dem Druck des Über­tritts in die wei­ter­füh­ren­den Schu­len fie­len Ange­bote, die nicht zum schu­li­schen Pflicht­pro­gramm gehör­ten, weg.
  • Nicht zuletzt fehlte auch eine Finan­zie­rung, um das pri­vate Pro­jekt fort­zu­füh­ren. Mich hat die Arbeit an dem Blog viele viele unbe­zahlte Stun­den gekos­tet – nicht wenige für zähe Über­zeu­gungs­ar­beit und tech­ni­schen Sup­port. Hätte ich das vor­her geahnt, hätte ich mich wohl nicht dar­auf ein­ge­las­sen.

Was muss sich ändern?

Für eine sinn­volle Medi­en­er­zie­hung muss sich viel ändern, vor allem in den Köp­fen der Betei­lig­ten. Alle, die eine zeit­ge­mäße Medi­en­päd­ago­gik eta­blie­ren wol­len, brau­chen nicht nur tech­ni­sches und päd­ago­gi­schen Know-how, son­dern eigene Erfah­rung, auch mit sozia­len Netz­wer­ken. Neben einem kri­ti­schen Bewusst­sein sind auch Neu­gierde und Enthu­si­as­mus not­wen­dig. Außer­dem müs­sen Lehr­pläne zuguns­ten der Medi­en­er­zie­hung ent­rüm­pelt und zusätz­li­che Lehr­kräfte für klei­nere Lern­grup­pen abge­stellt wer­den, da krea­tive Pro­jekte Zeit brau­chen und die tech­ni­sche Beglei­tung auf­wän­dig ist. Natür­lich sind auch moderne Geräte erfor­der­lich, eine zuver­läs­sige War­tung, schnel­les WLAN, sichere Ser­ver und genü­gend Räume und Geräte in den Schu­len.

Lei­der drän­gen andere Prio­riä­ten die Medi­en­er­zie­hung an Schu­len ins Abseits: PISA und andere Leis­tungs­ver­glei­che sit­zen den Leh­rern im Nacken, Über­tritt und G8 erzeu­gen Druck, und Her­aus­for­de­run­gen wie Inte­gra­tion und Inklu­sion haben Vor­rang. Dazu kommt die in Mün­chen all­ge­gen­wär­tige Raum­not und eine ver­brei­tete Skep­sis und Unkennt­nis in bezug auf Neue Medien bei staat­li­chen Stel­len, Schul­lei­tern, Leh­rern und Eltern.

Häu­fig kommt Medi­en­er­zie­hung bis zur 7. Klasse kaum über ein Power­point-Refe­rat und unan­ge­lei­tete Online-Recher­chen hin­aus. Zum Smart­phone-Spiel Poké­monGo, das im Früh­som­mer 2016 Mil­lio­nen Kin­der und Jugend­li­che in sei­nen Bann schlug, fand an Schu­len nicht etwa eine Dis­kus­sion über Daten­schutz, Aug­men­ted Rea­lity, Hypes und andere span­nende The­men statt – statt­des­sen gab es dazu einen Eltern­brief mit der Über­schrift „Lebens­ge­fahr Poké­monGo“, der vor Unfäl­len im Stra­ßen­ver­kehr warnte. Sicher­lich auch ein wich­ti­ges Thema. Aber eben nur eines von sehr vie­len.