Der Super Santos

Die Legende ist rund

Er ist rund wie die Welt, orange wie der Sonnenuntergang und wunderbar wie der Sommerurlaub am Meer. In Italien ist er so volkstümlich und allgegenwärtig wie die Pizza – und so hibbelig wie eine Horde ragazzi am Strand: der Super Santos.

Pata­ta­pat: So klingt er, wenn ihn ein ein­sa­mes Kind gegen eine Haus­wand bal­lert. Doch wer einen Super San­tos hat, der ist nie lange allein: Sobald der rhyth­mi­sche Lock­ruf erklingt, ren­nen von über­all ragazzi her­bei und schnell ist eine Mann­schaft bei­sam­men. Dann wir­beln plötz­lich sechs, acht oder zehn Kna­ben in Shorts durch die Gas­sen, über ein Stück räu­di­ges Grün oder durch den Sand, beglei­tet von den sat­ten Plopps des Super San­tos. Lan­det er im dich­ten Stra­ßen­ver­kehr oder auf Dächern ist keine Mühe zu groß, ihn wie­der­zu­ge­win­nen, den bil­ligs­ten und bes­ten unter den Stra­ßen­fuß­bäl­len. Den Super­hei­li­gen. Den pal­lone del popolo.

Seine Superheiligkeit kostet 2,50 Euro

Der Super San­tos ist der Beglei­ter eines Som­mers am Strand. Und der Beglei­ter einer Kind­heit in Ita­lien. In gro­ßen Net­zen bau­meln die Bälle vor den Läden an den Pro­me­na­den, rund um Nea­pel kos­tet der pal­lone 2,50 Euro, im Nor­den ist er etwas teu­rer. Doch in ganz Ita­lien sieht er immer gleich aus: orange mit schwar­zen Strei­fen, im Design alt­mo­di­scher Leder­fuß­bälle, bedruckt mit dem Super San­tos-Schrift­zug, die Ober­flä­che leicht genoppt, unglaub­lich robust. Kein Ver­gleich zu den glat­ten, bun­ten Dis­ney-Bäl­len, die im Netz dane­ben hän­gen.

(Im letz­ten Som­mer­ur­laub haben unsere Kin­der ein ein­zi­ges Mal vom Auto aus einen blauen Super San­tos gese­hen. Es war bei Pae­s­tum. Wohin wir auch kamen in Kam­pa­nien, über­all such­ten sie nach der Blauen Mau­ri­tius unter den Fuß­bäl­len. Ver­geb­lich. Dabei ist der Super San­tos nun mal orange und gerade des­we­gen eine Pop-Legende, weil der Her­stel­ler sein Design, seine Qua­li­tät und sei­nen Preis nie nen­nens­wert geän­dert hat. Am Fuß ist er seit über 50 Jah­ren ebenso zuver­läs­sig, wie das Tempo-Taschen­tuch an der Nase und die Nutella auf dem Brot.)

Die Erfolgsstory beginnt 1962

Selbst eine Legende, trägt der Ball den Namen einer Legende: „Super San­tos“ – das war seit Ende der fünf­zi­ger Jahre der Ehren­ti­tel der bra­si­lia­ni­schen Erfolgs­mann­schaft FC San­tos, der Ver­ein von Pelé. Des groß­ar­ti­gen Pelé, der aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen zum „Welt­fuß­bal­ler des 20. Jahr­hun­derts“ auf­stieg. Angeb­lich wurde der Ball 1962, nach dem WM-Sieg der Bra­si­lia­ner, von Ste­fano Seno, einem Mit­ar­bei­ter der Firma Mondo erfun­den. Seit­her hat ihn die Firma mil­lio­nen­fach ver­kauft, der Ball wurde in Pop­songs besun­gen und hat eine eigene Face­book-Seite mit über 24.000 mi piace-Klicks – die Zahl der Fans auf der Straße beträgt frei­lich ein Viel­fa­ches. Auf You­Tube gibt es eine Repa­ra­tur­anlei­tung für den Super San­tos, und Roberto Saviano hat ihm ein Buch gewid­met, das natür­lich „Super San­tos“ heißt und als eBook nicht teu­rer ist als der oran­ge­far­bene Ball.

Ein Ball – ein Traum

Der Super San­tos ist der Ball der Jun­gen zwi­schen acht und acht­zehn, die ihn mit ihren mage­ren, braun­ge­brann­ten Bei­nen vor sich her trei­ben und von einer Kar­riere als Fuß­ball­star in der Lega Cal­cio A träu­men. Pata­ta­pat und Plopp – das ist der Klang des Som­mers in Ita­lien, gemischt mit dem Knat­tern der Ves­pas, dem schril­len Gekläff win­zi­ger Hunde und dem Gedu­del der Radios und Tele­foni­nos.

Wenn bei Capri die Sonne im Meer ver­sinkt, dann kommt an den Strän­den Ita­li­ens auch der Super San­tos all­mäh­lich zur Ruhe. Die Jungs, die den Ball stun­den­lang bar­fuß durch den erst hei­ßen, dann all­mäh­lich küh­ler wer­den­den Sand gejagt haben, schau­feln sich eine Rie­sen­por­tion Pasta in den Bauch und sin­ken dann erschöpft und glück­lich zwi­schen die Laken. Bis am Mor­gen das Pata­ta­pat des neuen Tages beginnt.

Heiß gelieb­ter Super San­tos, nach einem Urlaub am Strand.

Fuß­ball­star Pelé 1960 mit dem leder­nen Vor­bild des Super San­tos-Balls. Quelle: AFP/SCANPIX (Natio­nal­en­cy­klo­pe­din) [Public domain], via Wiki­me­dia Com­mons